Zwischen Algorithmus und Aufbruch –

Am 3. Juli 2026 verabschiedeten wir unseren Abiturjahrgang 2026 im Rahmen eines festlichen Abiballs. 49 Schülerinnen und Schüler stellten sich in diesem Jahr den Abiturprüfungen. Mit einem Abiturdurchschnitt von 2,4 erreichte der Jahrgang ein Ergebnis, das dem Durchschnitt der Gymnasien des Landes Brandenburg entspricht.

Im Mittelpunkt des Abends stand die feierliche Übergabe der Abiturzeugnisse. In ihrer Festrede blickte die kommissarische Schulleiterin Doreén Ritter auf die gemeinsame Schulzeit des Jahrgangs zurück und gab den Absolventinnen und Absolventen zugleich Gedanken und Wünsche für ihren weiteren Lebensweg mit auf den Weg:

Sehr geehrte Eltern,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Gäste,
und vor allem liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

heute sitzen hier viele Menschen mit feuchten Augen. Die Eltern, weil ihre Kinder groß geworden sind. Die Lehrkräfte, weil sie hoffen, dass niemand nachher noch eine Notendiskussion anfängt.

Und ihr Schülerinnen und Schüler? Ihr sitzt wahrscheinlich hauptsächlich deshalb so still, weil ihr befürchtet, dass nach der Rede doch noch eine fünfte mündliche Prüfung angekündigt wird.  Keine Sorge. Das Schlimmste liegt hinter euch.

Oder, um ehrlich zu sein: Das glaubt ihr zumindest. Denn das Leben hat einen bemerkenswerten Sinn für Ironie. Kaum denkt man: „Endlich fertig!“, meldet sich das Finanzamt, die Krankenkasse oder der Vermieter. Das nennt man Erwachsensein und erwachsen seid ihr vor allem in den letzten drei Jahren geworden.

Wenn ich an euren Jahrgang denke, fällt mir vor allem eines auf: Ihr seid eine Generation des Wandels und voller Widersprüche.

Ihr könnt mit fünf Fingern gleichzeitig schreiben. Aber wenn sich der Laptop nicht mit der Tafel verbinden lässt, manchmal geschaut, als hätte die Schule persönlich den technischen Fortschritt abgeschafft.

Ihr wisst in Sekunden, wie man ein Handy auf Werkseinstellungen zurücksetzt.

Aber viele von euch fragen zuerst ChatGPT, wie man einen Termin beim Bürgeramt vereinbart.

Ihr seid einer der ersten Abiturjahrgänge, für den Künstliche Intelligenz keine Zukunftsvision mehr war, sondern ganz normaler Schulalltag. Während frühere Generationen lernten, Informationen zu finden, musstet ihr lernen, Informationen zu bewerten. Während früher die entscheidende Frage lautete: „Wo finde ich eine Antwort?“, lautet sie heute: „Kann ich dieser Antwort vertrauen?“

Eure Schulzeit war ohnehin alles andere als gewöhnlich. Ihr seid in einer Zeit zur Schule gegangen, in der sich die Art zu lernen und zu arbeiten grundlegend verändert hat. Ihr habt erlebt, dass Unterricht plötzlich online stattfand. Dass Mikrofone grundsätzlich dann nicht funktionierten, wenn jemand etwas Sinnvolles sagen wollte. Wir Lehrkräfte lernten in dieser Zeit eine neue pädagogische Methode kennen: Wir unterrichteten schwarze Rechtecke. Manchmal antwortete eines davon. Meistens nicht.

Ich glaube aber, dass ihr in der Zeit des Online-Unterrichts, als ihr in der 8. und 9. Klasse wart, etwas gelernt habt, das euch in eurer späteren Schulzeit von Nutzen war und das in keinem Lehrplan steht:  Ihr habt gelernt, dass Pläne scheitern können. Dass Sicherheit plötzlich verschwinden kann. Dass man trotzdem weitermachen muss. Diese Erfahrung war unangenehm, aber wertvoll. Denn das Leben verläuft selten geradlinig. Es ist eher wie eine Gruppenarbeit. Eigentlich gibt es einen Plan. Einer macht fast alles. Zwei diskutieren. Einer verschwindet kurz und taucht erst wieder auf, wenn die Präsentation fertig ist. Und am Ende behaupten alle, sie hätten gemeinsam gearbeitet und eine KI habe sie nur inspiriert.

Vielleicht fragt ihr euch jetzt: Was nimmt man eigentlich aus all den Jahren Schule wirklich mit? Sind es die Noten, die Erfahrung unzähliger Klausuren oder die Fähigkeit, einen Prompt zu schreiben? Natürlich auch ein bisschen davon. Aber vor allem nehmt ihr etwas mit, das euch ein Leben lang begleiten wird: die Fähigkeit, immer wieder neu anzufangen. Und genau das ist es, was ein Abitur eigentlich bedeutet: nicht das Ende des Lernens, sondern der Anfang eines neuen Abschnitts.

Die Philosophin Hannah Arendt schrieb einmal sinngemäß, dass jeder neue Mensch einen neuen Anfang in die Welt bringt. Ich finde diesen Gedanken erstaunlich hoffnungsvoll. Denn er bedeutet: Die Zukunft entsteht nicht irgendwann. Sie entsteht immer dann, wenn jemand den Mut hat, etwas Neues zu beginnen.

Vielleicht werden einige von euch Ärzte. Andere Ingenieurinnen. Lehrer. Handwerker.

Polizistinnen. Unternehmer. Oder ihr wechselt euren Beruf später noch mehrfach.

Das ist heute völlig normal. Wichtiger ist etwas anderes: Seid immer bereit, euch auf etwas Neues einzulassen. Bleibt neugierig. Bleibt lernwillig. Bleibt mutig. Das Abitur bescheinigt nicht, dass ihr alles wisst. Es bescheinigt, dass ihr gelernt habt zu fragen, zu prüfen und zu denken. Genau das meinte Kant mit seinem Leitsatz Sapere aude! – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Heute bedeutet „Sapere aude!“ vielleicht mehr denn je, Antworten nicht nur zu übernehmen, sondern sie kritisch zu prüfen – auch dann und gerade dann, wenn sie von einer Künstlichen Intelligenz stammen.
Bildung zeigt sich nicht darin, immer die richtige Antwort zu kennen. Bildung zeigt sich darin, die richtigen Fragen zu stellen. Vor Kurzem bin ich in diesem Zusammenhang auf eine Studie gestoßen, die Menschen im Umgang mit KI in zwei Gruppen einteilt: „Piloten“ und „Passagiere“. Die Passagiere lassen sich von der KI treiben. Die Piloten nutzen sie als Werkzeug, behalten aber selbst die Richtung im Blick. Ich wünsche euch, dass ihr Piloten bleibt – nicht nur im Umgang mit Künstlicher Intelligenz, sondern in eurem ganzen Leben. Nutzt die Möglichkeiten der Technik. Aber gebt niemals euren eigenen Kompass aus der Hand. Denkt selbst. Entscheidet selbst. Übernehmt Verantwortung für euren eigenen Kurs.

Zum Schluss möchte ich euch noch einen weiteren Wunsch mitgeben. Ich wünsche euch nicht, dass immer alles gelingt. Das wäre unrealistisch.

Ich wünsche euch Fehler, aus denen ihr klüger werdet. Menschen, die euch widersprechen. Aufgaben, die euch herausfordern. Und den Mut, immer wieder neu anzufangen. Denn der wichtigste Schritt liegt nicht hinter euch, sondern vor euch.

Damit gratuliere ich euch zum bestandenen Abitur.

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